Arbeiten für ein Gehalt ohne Lohn
Leben und arbeiten an der Armutsgrenze macht krank und betrifft vor allem Frauen - Dieses Dilemma erzeugt dreimal höheren Stress als ihn Manager haben
Wien - Sie ist Ihre Krankenschwester, Ihre Kassiererin, Ihre Kindergärtnerin. Sie putzt Ihre Wohnung, schneidet Ihre Haare und verkauft im kleinen Laden nebenan. Sie hat einen Job, arbeitet 20 bis 40 Stunden, und dennoch: Sie ist arm. Armut trotz Arbeit: 230.000 Menschen in Österreich trifft dieses Schicksal.
Betroffen sind meist Frauen, oft Migrantinnen, vielfach Alleinerzieherinnen. Sie verdienen im Durchschnitt weniger als 912 Euro im Monat. Statistiker nennen das ein Leben an der "Armutsgefährdungsschwelle". Dwora Stein von der Gewerkschaft der Privatangestellten spricht von einem "Skandal", der in den öffentlichen Debatten kaum wahrgenommen werde. Genau das zu ändern, war das Ziel der Standard -Diskussion "Arm trotz Arbeit" Montagabend im Wiener Haus der Musik.
Stein führte dabei aus, dass 175.000 der armutsgefährdeten Erwerbstätigen das ganze Jahr über beschäftigt sind, 135.000 davon Vollzeit. Nicht nur, dass das Geld nicht reicht: Diese Situation, von der auch viele alte Menschen betroffen sind, macht auch krank, wie der oberösterreichische Landeshauptmann-Stellvertreter Josef Ackerl (SP) sagte.
Was die Gesundheit der Menschen gefährdet: Für ihren hohen Stress gebe es keine Anerkennung, sie kämen kaum mit ihrem Lohn aus - "und das haut einen wirklich runter", führte Martin Schenk, Mitbegründer der Armutskonferenz, aus. Die "working poor" litten unter dreimal größerem Stress als Manager. Trotzdem sind hohes Infarktrisiko, hoher Blutdruck und übermäßige Ausschüttung von Stresshormonen als Managerkrankheit bekannt. Den Unterschied mache die Freiheit: Manager könnten bewusst aus dem Stress ausbrechen, etwa einmal schnell nach Paris fahren, den "working poor" fehlten dazu die Mittel.
Deshalb dürfe der Mensch in einem Unternehmen nicht aus dem Mittelpunkt heraustreten, betonte Interio-Geschäftsführerin Janet Kath. Je größer ein Unternehmen sei, desto mehr bestehe diese Gefahr. Kath würde gerne wissen, wo von ihren 4,5 Millionen Euro für Gehälter jene 2,1 Millionen Euro, die der Staat kassiere, hinkämen.
Ihre Preise könne sie nicht anheben, sagte die Unternehmerin. Interio sei ein Nischenanbieter, "wenn ich meine Preise erhöhe bin ich weg, und damit auch meine Mitarbeiter". Vielmehr müsse der Staat dafür Sorge tragen, dass die Wertschöpfung im Land bleibe und nicht ausländische Unternehmen mit billig erzeugten Produkten bevorzugt seien.
"Wo bleibt das Geld hängen?"
Zu billig im Ausland erworbener Ware hatte der grüne Bundesratsabgeordnete Efgani Dönmez, der im Publikum saß, etwas anzumerken: "Wo bleibt in der Kette das Geld hängen?" Ein Bauer in der Türkei bekomme für eine Tonne Wassermelonen zehn Euro. In Österreich kosten diese pro Kilogramm 69 Cent und mehr. "Offenbar bekommt das nicht der Bauer und nicht die Verkäuferin. Wer kassiert das also?" Eine Frage, die offen blieb.
Viele Antworten gab es allerdings auf die Frage, was gegen die Armut getan werden kann. Auch hier drehte sich alles rund ums Geld. Gewerkschafterin Stein forderte soziale Mehrausgaben von 1,75 Milliarden Euro. "Eine angesichts der Bankenrettungspakete lächerliche Summe."
Schenk kritisierte die bisherigen Konjunkturprogramme der Regierung im Zuge der Finanzkrise. Maßnahmen wie die Verschrottungsprämie mögen die Wirtschaft stärken, der Bildungssektor sei allerdings komplett vernachlässigt worden. Nötig sei daher ein drittes Konjunkturpaket.
Ackerl stieß schließlich eine Umverteilungsdebatte an, das Problem seien die Steuertarife in Österreich. Der erste Einkommensteuersatz (ab 11.000 Euro im Jahr) liegt bei über 36 Prozent, für Spitzenverdiener ist der Höchststeuersatz mit 50 Prozent gedeckelt.
Mehr Geld dürfte es allerdings angesichts der angespannten Haushaltslage in Europa nicht geben. Was europaweit gilt, stellte Ackerl am Beispiel Oberösterreichs dar. Das Land sei von den zur Verfügung stehenden Mitteln abhängig - und diese seien durch den Rückgang an Steuereinnahmen knapp. "Wir sind nicht pleite, aber wir haben kein Geld mehr", sagte Ackerl.
Schenks Worten ließ die Armutskonferenz am Dienstag Taten folgen: Sie forderte sozial Engagierte dazu auf, Kanzler Werner Faymann (SP) und Finanzminister Josef Pröll (VP) einen Brief zu schicken. In dem Schreiben, das unter www.gegen.armut.at abrufbar ist, heißt es, Faymann und Pröll sollen "2010 zu einem tatsächlichen Jahr der Armutsbekämpfung zu machen". (Gudrun Springer und András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2010)
